Stadtbahnwagen für den Nahverkehr
Endstation Bahnsteigkante: Anspruch und Wirklichkeit der barrierefreien Mobilität

Eigentlich klingt es einfach: Ein moderner ÖPNV soll allen Menschen die Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen. In der Theorie fahren Niederflurbusse mit Absenkfunktion (Kneeling) und Bahnen mit ausfahrbaren Rampen durch unsere Städte. Doch wer mit dem Rollstuhl, Rollator oder auch mit dem Kinderwagen unterwegs ist, weiß: Die Realität 2026 sieht immer noch düster aus.
Die Theorie: Rampen und Technik
Trotz Moderne Busse die sind heute standardmäßig so gebaut, dass sie sich zur Bordsteinkante absenken lassen. Das Ziel der Politik war klar definiert: Laut Personenbeförderungsgesetz sollte der ÖPNV bereits bis Januar 2022 vollständig barrierefrei sein. Doch wir schreiben das Jahr 2026, und in vielen Kommunen ist dieses Ziel immer noch in weiter Ferne.
Die harte Realität: Barrieren und soziale Brennpunkte
Wer am Bahnhof steht, erlebt oft das Scheitern der Infrastruktur:
- Defekte Aufzüge: Ein kaputter Lift wird für Menschen mit körperlicher Einschränkung zur unüberwindbaren Mauer. Oft dauert die Reparatur Wochen.
- Verschmutzung und Zweckentfremdung: Es ist ein trauriges Bild in vielen Großstädten – Aufzüge an Bahnhöfen werden als Notdurftstellen missbraucht oder von der Drogenszene als Rückzugsort genutzt. Das ist nicht nur eine Frage der Hygiene, sondern ein massives Sicherheitsrisiko und eine Respektlosigkeit gegenüber denjenigen, die auf diese Technik angewiesen sind.
Ein Blick in die Bundesländer: Was tut die Politik?
Beispiel NRW (Nordrhein-Westfalen):
In NRW ist der Sanierungsstau besonders groß. Die Landesregierung hat zwar Förderprogramme wie „Bushaltestellen für alle“ aufgelegt, doch die Umsetzung in den Kommunen hinkt hinterher. In Städten wie Köln oder Duisburg kämpfen Fahrgäste regelmäßig mit veralteten U-Bahn-Stationen, die tief unter der Erde liegen und deren Aufzüge chronisch unzuverlässig sind. Politisch wird hier verstärkt über „Sicherheit und Ordnung“ an Bahnhöfen debattiert, um die soziale Kontrolle (und damit die Nutzbarkeit der Aufzüge) wiederherzustellen.
Beispiel Hessen & Berlin:
- Berlin: Hier setzt man verstärkt auf das Projekt „Jeder Bahnhof ein Aufzug“. Berlin ist zwar weiter als andere Städte, kämpft aber massiv mit Vandalismus. Die Politik reagiert hier mit der Nachrüstung von Kameras und häufigeren Reinigungsintervallen.
- Hessen: In Frankfurt am Main wird versucht, durch den Einsatz von „Bahnhofs-Scouts“ die Barrierefreiheit zu verbessern – Menschen, die vor Ort helfen, wenn die Technik streikt.
Köln: Schlusslicht mit Sicherheits-Offensive
Eine Umfrage im Auftrag der Aktion Mensch sah Köln bereits 2016 als Schlusslicht in Sachen Barrierefreiheit unter den fünf größten deutschen Städten – und viele Kölner teilen diese Ansicht noch immer. Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) stehen wegen mangelnder Barrierefreiheit in der Kritik, etwa bei der Anlieferung neuer Bahnen.
- Politik & Maßnahmen: Die Stadt und die KVB haben auf die Kritik mit einer Sicherheits-Offensive reagiert. Dazu gehören die Räumung von U-Bahn-Stationen ab 5 Uhr morgens und mehr Personal vor Ort, um die Sicherheit und Sauberkeit zu verbessern. Es gibt zwar ein Handlungskonzept zur Kölner Behindertenpolitik, doch die Umsetzung bleibt eine Herausforderung.
Anmerkung: In Köln bleibt die Barrierefreiheit bei den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) auch 2026 ein emotional diskutiertes Thema, das häufig als unzureichend bewertet wird. Zwar gibt es technische Standards, doch im Alltag ist der Abstand zwischen Anspruch und Realität nach wie vor groß.
Hamburg: Vorreiter mit klarem Ziel
Hamburg gilt im Vergleich oft als fortschrittlicher. Der HVV (Hamburger Verkehrsverbund) hat sich das Ziel gesetzt, den barrierefreien Ausbau der Schnellbahn- und Regionalverkehr-Haltestellen bis 2030 abzuschließen. Über 90% der Haltestellen sind bereits heute barrierefrei zugänglich gemacht worden, inklusive Aufzügen und Blindenleitsystemen.
- Politik & Maßnahmen: Die Hamburger Hochbahn setzt konsequent auf den Ausbau ganzer Linien. So sind die U2 und U4 bereits vollständig barrierefrei, die U1 folgte im Oktober 2025. Die Politik hat hier klare Vorgaben gemacht und setzt diese mit Nachdruck um.
München: perceived Spitzenreiter mit Instandhaltungslücken
Aus Sicht der Münchner selbst ist ihre Stadt die barrierefreieste Metropole Deutschlands. Der MVV verfügt über ein gut ausgebautes Netz.
- Politik & Maßnahmen: Trotz der guten Wahrnehmung gibt es auch in Bayerns Bahnhöfen massive Probleme. Berichte zeigen, dass dort jede zweite Aufzugsanlage ausfallen kann. Die Politik in München fokussiert sich neben dem Ausbau auch auf die Instandhaltung, die aber offensichtlich nicht immer funktioniert.
Fazit
Die Lücke zwischen politischen Versprechen und dem Alltag ist riesig. Hamburg beweist, dass Fortschritte machbar sind, während Köln noch mit grundlegenden Problemen zu kämpfen hat. Barrierefreiheit muss Chefsache werden – mit genug Budget für Instandhaltung, Sicherheit und Sauberkeit. Nur so kann der ÖPNV wirklich ein Verkehrsmittel für alle sein.