Mein Lebensweg mit ADHS und persönliche Erfahrungen
Mein Name ist Andreas Haugeneder. Ich wurde 1964 in Bergisch Gladbach geboren. Ich lebe mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die meinen Lebensweg und meinen Alltag über viele Jahre geprägt hat.
Mein Lebensweg war nicht immer einfach. Besonders Schule und Berufsleben waren für mich mit vielen Herausforderungen verbunden. Trotz meiner Bemühungen gelang es mir nicht, dauerhaft auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Seit 2008 arbeite ich deshalb in einer Werkstatt für behinderte Menschen bei der Alexianer Start GmbH.
Am 1. September 2026 beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt: Ich gehe in den Ruhestand. Nach vielen Jahren im Arbeitsleben blicke ich dabei auf zahlreiche Erfahrungen zurück, die mich geprägt haben.
ADHS wurde lange nicht erkannt
Als Kind und Jugendlicher erhielt ich keine klare Erklärung für viele meiner Schwierigkeiten. Ich bin ein Kind der 1970er- und 1980er-Jahre – einer Zeit, in der ADHS noch wenig verstanden wurde und häufig als reine „Kinderkrankheit“ betrachtet wurde.
In der Schule wurde vieles ausprobiert, doch eine individuelle Förderung stand damals nur selten im Mittelpunkt. Schließlich besuchte ich eine Sonderschule, die heute als Förderschule bezeichnet wird.
Meine Mutter hat alles getan, um mich zu unterstützen. Ich war bei verschiedenen Neurologen in Behandlung, doch eine klare Diagnose bekam ich damals nicht.
Auch im Erwachsenenalter blieb ADHS lange unerkannt. Früher gab es für Erwachsene deutlich weniger diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Die Vorstellung, dass ADHS mit dem Erwachsenwerden einfach verschwindet, war zudem weit verbreitet. Heute ist bekannt, dass ADHS auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben kann.
Meine Diagnose
Viele Jahre später sah ich zufällig im ZDF das Magazin frontal. Dort berichtete ein junger Mann über seine Schwierigkeiten mit Konzentration und Hyperaktivität. In diesem Moment erkannte ich vieles aus meinem eigenen Leben wieder. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, eine mögliche Erklärung für manche meiner Schwierigkeiten gefunden zu haben.
Da ich bereits wegen Depressionen in Behandlung war, begann ich mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Ich recherchierte selbst und fand im Internet zahlreiche Informationen über ADHS bei Erwachsenen.
Die Informationen passten in vielen Punkten zu meinen eigenen Erfahrungen. Daraufhin sprach ich mit meiner Fachärztin und ließ mich schließlich auf ADHS untersuchen. Die spätere Diagnose half mir, viele Erlebnisse und Schwierigkeiten meines bisherigen Lebens besser einzuordnen.
Ein neuer Lebensabschnitt
Bald ist es soweit: Am 20. August 2026 endet mein Berufsleben und für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Nach vielen Jahren im Arbeitsleben freue ich mich auf die kommende Zeit – auch wenn dieser neue Abschnitt sicherlich einige Herausforderungen mit sich bringen wird.
Ich blicke mit gemischten Gefühlen zurück: Es gab Höhen und Tiefen, Erfolge, aber auch viele persönliche Herausforderungen. Nun beginnt für mich ein neuer Weg, den ich weiterhin mit meinen Erfahrungen und meinen Themen rund um ADHS, Behinderung, Inklusion und Teilhabe begleiten möchte.
Behandlung und ein neuer Abschnitt
Seit Mai 2025 werde ich mit dem Wirkstoff Lisdexamfetamin behandelt. Zuvor hatte ich Methylphenidat eingenommen, das ich nach meiner persönlichen Erfahrung nicht mehr gut vertragen habe.
Die Umstellung auf die neue Behandlung war für mich ein wichtiger Schritt. Seitdem geht es mir nach meinem persönlichen Empfinden deutlich besser. Welche Behandlung geeignet ist, muss selbstverständlich individuell mit den behandelnden Fachpersonen besprochen werden.
Was ich aus meinem Lebensweg gelernt habe
Mein Lebensweg zeigt mir, wie wichtig es ist, Menschen mit ihren individuellen Schwierigkeiten ernst zu nehmen. Viele Jahre lang hatte ich keine klare Erklärung dafür, warum mir bestimmte Dinge schwerfielen. Eine Diagnose kann zwar nicht die Vergangenheit verändern, aber sie kann dabei helfen, das eigene Leben und bestimmte Erfahrungen besser zu verstehen.
Ich möchte mit meiner Geschichte zeigen, dass ein später erkannter Unterstützungsbedarf nicht bedeutet, dass ein Lebensweg ohne Chancen ist. Menschen entwickeln sich weiter, lernen aus ihren Erfahrungen und können neue Wege einschlagen.
Mein Ruhestand ab September 2026 bedeutet deshalb für mich nicht das Ende meiner Aktivitäten. Ich möchte weiterhin über ADHS, Behinderung, Barrieren, Inklusion und persönliche Erfahrungen schreiben und meine Erfahrungen mit anderen teilen.
Warum ich meine Geschichte erzähle
Das hier ist nur ein Teil meines Lebenswegs. Ich hoffe jedoch, dass meine Geschichte anderen Menschen Mut macht – besonders Menschen meiner Generation, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und lange nach Antworten gesucht haben.
Vielleicht erkennt sich jemand in meiner Geschichte wieder. Dann kann mein persönlicher Erfahrungsbericht zumindest einen Gedanken vermitteln: Man ist mit seinen Erfahrungen und Herausforderungen nicht allein.
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